Kostenfalle Haustier? Wenn der Tierarztbesuch plötzlich 19.000 Euro kostet
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Eine Nacht in der Tierklinik schlägt mit 400 Euro zu Buche, eine Kaninchen-Kastration mit 390 Euro. Für die Behandlung eines schwer erkrankten Katers wurden 19.000 Euro fällig – wenig später musste das Tier eingeschläfert werden. Solche Beispiele hat der Dokumentarfilmer Berndt Welz für seinen Film „Tierisch teuer – was hinter den hohen Tierarztkosten steckt“ recherchiert.
Im Gespräch mit dem „Stern” formuliert Welz eine zugespitzte Befürchtung: Die Ausgaben für tierärztliche Behandlungen könnten so stark in die Höhe klettern, dass sich Haushalte mit geringem Budget Haustiere kaum noch leisten können.
Gründe für steigende Tierarztkosten und teure Behandlungen
Nach Einschätzung von Welz sind vor allem drei Entwicklungen ausschlaggebend:
- die überarbeitete Gebührenordnung für Tierärzte,
- die sehr detaillierte Abrechnung einzelner Leistungen und
- der wachsende Einfluss großer Konzerne im Tiermedizinmarkt.
Zum Jahresende 2022 wurde die Gebührenordnung erneuert. Seitdem dürfen zahlreiche Leistungen deutlich höher berechnet werden. Laut Welz kostet eine einfache Routineuntersuchung bei einer Katze nicht mehr etwa acht Euro, sondern rund 23 Euro.
Hinzu kommt: Tierärzte dürfen je nach Aufwand den einfachen, doppelten oder dreifachen Gebührensatz berechnen, im Notdienst sogar noch darüber hinaus. Außerdem existieren in der Tiermedizin keine Fallpauschalen wie in Krankenhäusern. Nach Darstellung von Welz kann dadurch jeder Handgriff, jedes Verbrauchsmaterial, jeder Schlauch und jedes Tuch separat auf der Rechnung auftauchen. So entstehen lange, kleinteilige Abrechnungen, die viele Tierhalter kaum nachvollziehen können.
Besonders problematisch findet Welz den Einstieg großer Konzerne in die Tiermedizin. Mars und Nestlé verdienen nicht mehr nur mit Tiernahrung, sondern sind über Beteiligungen und Tochterfirmen auch im Bereich Tiermedizin, Kliniken und Tiergesundheit tätig. Investoren hätten erkannt, wie profitabel dieser Markt sei, sagt Welz. In Deutschland würden Tiere sehr häufig wie Familienmitglieder betrachtet. Genau diese starke emotionale Bindung ermögliche hohe Gewinne.
Der Fall eines todkranken Katers mit 19.000-Euro-Rechnung
Ein besonders extremes Beispiel in Welz’ Recherche betrifft einen schwer kranken Kater. Das 16 Jahre alte Tier hatte Leukämie, hatte eine Chemotherapie hinter sich und weitere schwere Erkrankungen. Über einen Zeitraum von elf Tagen wurde der Kater intensiv behandelt. Am Ende stand nach Angaben von Welz eine Rechnung über 19.000 Euro. Kurz danach wurde das Tier eingeschläfert.
Die Frage ist, ob in solchen Situationen offen genug thematisiert wird, ob eine Therapie dem Tier wirklich noch nützt oder vor allem das Leiden verlängert. Nach Welz’ Angaben berichteten die Halter, dass nicht ausführlich darüber gesprochen worden sei, ob es sinnvoller gewesen wäre, dem Tier weiteres Leid zu ersparen.
Unübersichtliche Rechnungen, wenig Kontrolle, verunsicherte Halter
Tierhalter sind emotional angreifbar, weil sie ihre Tiere lieben und gleichzeitig rechtlich verpflichtet sind, sie angemessen medizinisch versorgen zu lassen. Viele können die langen, detaillierten Rechnungen jedoch kaum verstehen.
Wer in dieser Lage hinterfragt, ob eine bestimmte Behandlung wirklich notwendig ist, hat schnell das Gefühl, gefühllos zu handeln. Das macht die Situation so belastend: Entscheidungen werden nicht in Ruhe, sondern unter Angst, Schuldgefühlen und Hoffnung getroffen.
Die Kontrolle von Tierarztrechnungen ist zudem begrenzt. Die Tierärztekammern achten vor allem darauf, ob eine Rechnung formal korrekt ausgestellt wurde. Ob eine Therapie überzogen oder wirtschaftlich unangemessen war, lässt sich für Tierhalter nur schwer belegen.
Im schlimmsten Fall führt das dazu, dass Tiere im Tierheim landen oder gar nicht rechtzeitig behandelt werden. Besonders heikel ist das, weil Haustiere für viele Menschen eine wichtige soziale Funktion haben: Sie schenken Halt, Tagesstruktur und Nähe. Wenn ausgerechnet Menschen, die darauf angewiesen sind, sich kein Tier mehr leisten können, wird daraus nicht nur ein privates, sondern auch ein gesellschaftliches Problem.
Haustiere als soziale und finanzielle Klassenfrage
Für viele Rentnerinnen und Rentner ist ein Hund weit mehr als nur ein Tier: Er ist Gefährte, Tagesrhythmus und Trostspender. Auch eine Katze wird von zahlreichen Menschen nicht als bloßes Haustier, sondern als Teil der Familie gesehen. Doch genau dieses Zusammenleben könnte für Menschen mit geringem Einkommen in Deutschland zunehmend unbezahlbar werden.
Im Mittelpunkt steht die Frage: Was passiert, wenn ein Tier jahrelang als Familienmitglied wahrgenommen wurde, im Ernstfall aber nicht gerettet werden kann, ohne dass der Halter in ernste finanzielle Schwierigkeiten gerät? Wer mehrere Tausend Euro angespart hat, steht vor anderen Optionen als jemand mit kleiner Rente, Bürgergeld oder niedrigem Lohn.
Damit wird der Gang zum Tierarzt zu einem sozialen Thema. Nicht alle Halterinnen und Halter können eine Rechnung im vierstelligen Bereich begleichen. Und längst nicht jeder ist in einer Ausnahmesituation in der Lage, nüchtern abzuwägen, welche Behandlung medizinisch sinnvoll ist und welche vor allem teuer wird. Eine politische Lösung für dieses Spannungsfeld ist bisher kaum zu erkennen.
Konkrete Möglichkeiten, Tierarztkosten zu verringern
Bei gesundheitlichen Problemen sollten Tierhalter nicht automatisch direkt in die Klinik fahren. Wenn keine akute Lebensbedrohung vorliegt, ist die reguläre Haustierarztpraxis häufig der passendere erste Anlaufpunkt. Die Tierärztin oder der Tierarzt kennt das Tier, kann Symptome besser einordnen und arbeitet oft günstiger als große Kliniken mit aufwendiger Technik und Notdienststrukturen.
Vor planbaren Operationen oder Behandlungen sollten Halter immer um einen Kostenvoranschlag bitten.
Dabei sind präzise Rückfragen wichtig:
- Welche Untersuchung ist wirklich unverzichtbar?
- Was kann zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen?
- Gibt es eine preisgünstigere Alternative?
- Kann die Behandlung schrittweise durchgeführt werden?
Auch eine zweite tierärztliche Meinung kann Ausgaben reduzieren, vor allem bei Operationen, langen Therapien oder Kosten im vierstelligen Bereich. Solange kein Notfall besteht, sollten Halter Entscheidungen nicht vorschnell unter Druck treffen.
Sinnvoll ist außerdem, früh offen über die eigenen finanziellen Grenzen zu sprechen. Viele Praxen können dann zunächst das medizinisch Dringende angehen und weiterführende Diagnostik nur bei Bedarf einplanen.
Besonders entscheidend ist ein finanzieller Puffer für Notfälle. Denn ein gesundes Tier können sich viele noch leisten – ein krankes Tier möglicherweise bald nicht mehr.
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