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Expertin ordnet ein

Welpe beißelt: „Starke Aufregung verschärft das Verhalten häufig noch”

Welpen müssen lernen, ihr Maul sanft einzusetzen.
Welpen müssen lernen, ihr Maul sanft einzusetzen. Getty Images/Connect Images
Dein Welpe beißt in Hände oder Kleidung? Meist ist das kein aggressives Verhalten, sondern normales Beißeln – mit ruhiger Reaktion lernt er Grenzen.

Welpen erkunden ihre Welt mit dem Maul. Sie tragen Gegenstände herum, knabbern an Händen, schnappen nach Hosenbeinen oder hängen begeistert im Ärmel ihres Menschen. Viele Halterinnen und Halter erschrecken darüber und fragen sich: „Beißt mein Welpe?“ In den allermeisten Fällen lautet die Antwort: Nein. Zwischen echtem Beißen und dem typischen „Beißeln“ eines Welpen gibt es einen wichtigen Unterschied.

Beißt mein Welpe oder ist das normales Beißeln?

Beißeln ist Teil der normalen Entwicklung. Der Welpe setzt seine Zähne dabei spielerisch, erkundend oder im Überschwang ein, ohne ernsthafte Beschädigungsabsicht. Das Verhalten gehört zur sozialen und körperlichen Reifung. Echtes Beißen dagegen ist zielgerichtet, hart, ernst gemeint und entsteht meist aus massiver Angst, Verteidigung oder erlerntem Fehlverhalten. Ein gesunder, normal entwickelter Welpe „beißelt“ – er „beißt“ nicht im aggressiven Kontext.

Besonders intensiv wird dieses Verhalten häufig während des Zahnwechsels. Zwischen dem dritten und siebten Lebensmonat lockern sich die Milchzähne, die bleibenden Zähne brechen durch und das Zahnfleisch juckt oder spannt. Viele Welpen haben in dieser Zeit ein starkes Bedürfnis zu kauen und Druck auszuüben. Manche werden unruhiger, empfindlicher oder greifen häufiger zu Händen und Kleidung. Der Zahnwechsel erklärt jedoch nicht das gesamte Verhalten. Welpen benutzen ihr Maul grundsätzlich als wichtigstes Werkzeug zur Kommunikation und Erkundung.

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Clarissa v. Reinhardt ist international anerkannte Hundeexpertin und Gründerin von animal learn. Sie ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.

Warum Welpen ihre Beißhemmung erst lernen müssen

Entscheidend ist deshalb nicht, das Maulverhalten komplett zu verbieten, sondern dem Welpen beizubringen, wie er seine Zähne angemessen einsetzt. Denn: Hunde werden nicht mit einer fertigen Beißhemmung geboren. Sie müssen erst lernen, wie viel Druck sozial akzeptabel ist. Dieses Lernen beginnt normalerweise schon im Wurf. Geschwister quietschen, brechen das Spiel ab oder wenden sich ab, wenn es zu grob wird. Die Mutter reguliert ebenfalls Grenzen. Besonders zwischen der vierten und etwa sechzehnten Lebenswoche findet hier eine enorm wichtige Lernphase statt. Wird ein Welpe zu früh von der Mutter und den Geschwistern getrennt und fehlen ihm passende soziale Erfahrungen, kann das Lernen erschwert sein.

Auch nach dem Einzug beim Menschen geht dieses Training weiter. Jeder Kontakt vermittelt dem Welpen: „So fest ist okay – so nicht.“ Genau deshalb spielt die Reaktion des Menschen eine große Rolle.

Was tun, wenn der Welpe in Hände oder Kleidung schnappt?

Viele Halterinnen und Halter reagieren hektisch, laut oder strafend, wenn der Welpe in Hände oder Kleidung schnappt. Doch starke Aufregung verschärft das Verhalten häufig noch. Für viele Welpen wirken hektische Bewegungen, hohes Schreien oder wildes Wegziehen wie eine zusätzliche Spieleinladung. Andere geraten dadurch erst recht in Stress.

Hilfreicher ist eine ruhige, klare Reaktion. Wird der Welpe zu grob, endet die Interaktion sofort und emotionsarm. Hände verschwinden ruhig aus der Situation, der Mensch friert kurz ein oder steht auf. Keine langen Vorträge, kein Schimpfen, kein dramatisches Wegschieben. Der Welpe lernt dadurch: Zu viel Zahneinsatz beendet den sozialen Kontakt.

Gleichzeitig sollte erwünschtes Verhalten intensiv belohnt werden. Nimmt der Welpe vorsichtig Futter aus der Hand, leckt statt zu schnappen oder spielt ruhig, lohnt sich sanfte freundliche Aufmerksamkeit. Hunde lernen sehr stark über Stimmung und emotionale Übertragung. Eine ruhige Stimme, langsame Bewegungen und entspannte Körpersprache helfen vielen Welpen dabei, selbst herunterzufahren. Menschen unterschätzen oft, wie sehr ihre eigene Spannung sich auf den Hund überträgt.

Überforderung erkennen, bevor das Welpenbeißen eskaliert

Besonders wichtig ist außerdem, Überforderung früh zu erkennen. Viele Welpen „drehen hoch“, obwohl sie eigentlich müde oder gestresst sind. Dann wird das Beißeln hektischer, härter und kaum noch kontrollierbar. Typische Anzeichen sind plötzliches wildes Anspringen, ungerichtetes Schnappen, aufgerissene Augen, hektische Bewegungen oder extremes Hochfahren nach aufregenden Situationen. Der Welpe wirkt schlicht überreizt und ist kaum noch ansprechbar.

Hier helfen keine härteren Maßnahmen, sondern Ruhe, Schlaf und Rückzug. Weniger Reize sind oft wirksamer als weiteres Training. Viele junge Hunde schlafen deutlich zu wenig und geraten dadurch schneller in diese überdrehte Beißelphase.

So lernt dein Welpe sanftes Maulverhalten im Alltag

Um einem Welpen oder Junghund sanfteres Verhalten beizubringen, eignen sich einfache Übungen im Alltag. Sehr effektiv ist das kontrollierte Nehmen von Futter: Der Welpe bekommt ein Leckerli nur dann, wenn er vorsichtig wird. Schnappt er hektisch, schließt sich die Hand kommentarlos wieder. Ebenso hilfreich sind ruhige Maulspiele mit den Händen des Menschen, bei denen der Welpe lernt, seinen Fang sanft einzusetzen. Wird der Hund zu wild, endet das Spiel sofort. Lernt der Welpe dagegen, sich wieder zu beruhigen, geht das Spiel weiter. So versteht er den Zusammenhang zwischen Selbstkontrolle und sozialem Erfolg.

Auch Kaualternativen spielen eine wichtige Rolle – besonders im Zahnwechsel. Geeignete Kauartikel, sichere Spielzeuge oder gekühlte Kauflächen helfen vielen Welpen, ihr Kaubedürfnis sinnvoll auszuleben.

  • Clarissa v. Reinhardt

    Bildquelle: Clarissa v. Reinhardt

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Wann hört das Beißen beim Welpen wieder auf?

Wann das Beißeln aufhört, ist individuell verschieden. Bei vielen Junghunden wird es ab dem fünften bis sechsten Lebensmonat deutlich besser. Mit abgeschlossenem Zahnwechsel, wachsender Impulskontrolle und konsequentem Lernen verlieren die meisten Hunde das intensive Schnappen zunehmend. Manche temperamentvollen oder sehr erregbaren Hunde brauchen länger. Entscheidend sind dabei mehrere Faktoren: Genetik, Erregungslage, Schlaf, Umwelt, Lernerfahrungen und die Reaktionen der Menschen.

Das Wichtigste für Halterinnen und Halter ist deshalb: Das typische Welpen- und Junghundbeißeln ist kein Zeichen eines „aggressiven“ Hundes. Es ist ein normaler Teil der Entwicklung. Der junge Hund muss erst lernen, wie empfindlich menschliche Haut ist, wie man Frust reguliert und wie soziale Interaktion funktioniert. Geduld, Ruhe und klare Grenzen helfen dabei deutlich mehr als Strafen oder Härte.