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Es kommt nicht auf die Rasse an

Was Studien darüber verraten, welcher Hund wirklich zu dir passt

Erschien in Kooperation mit
Welcher Hund zu dir und deinem Leben passt, entscheidet nicht allein die Rasse.
Welcher Hund zu dir und deinem Leben passt, entscheidet nicht allein die Rasse. Getty Images/DRAKULA IMAGES
Ob ein Hund zu dir passt, entscheidet nicht nur seine Rasse. Studien zeigen, warum Persönlichkeit, Zuchtlinie und Erfahrungen so wichtig sind.

Schon auf den ersten Blick wirkt Rocket wie ein wahres Kraftpaket. Der stämmige Mischlingsrüde durchstreift zielgerichtet das Gelände. Die Trainerin bittet die zierliche Rentnerin Ana (alle Namen im Text geändert), ihren Hund diesmal nicht zu führen, sondern ihn „einfach mal machen zu lassen“.

Kaum ist die Leine ab, schießt Rocket in hohem Tempo über die Wiese, kreuz und quer. Er schnuppert hier, schnuppert dort und beginnt nach kurzer Zeit aufgeregt, ein Loch unter den Zaun zu graben. Jetzt muss Ana doch eingreifen. Die Trainerin hebt ein übergroßes Stofftier in Hundegestalt über den Zaun. Prompt stürzt sich Rocket sichtlich aufgebracht darauf. Versucht Ana, ihm das Plüschtier zu entziehen, steigert er sich vollkommen hinein. Schnell wird die Attrappe außer Reichweite gebracht.

Temperamentvolle Draufgänger: Nervenstärke ist gefragt

An Rockets Draufgängertum besteht kein Zweifel. Für seine Halterin bedeutet das erheblichen Stress. Bei Spaziergängen muss sie bei Begegnungen mit anderen Hunden äußerst wachsam sein. Rocket stammt aus dem Tierschutz. Seit sechs Jahren lebt er bereits bei ihr, dennoch reagiert er auf Reize immer noch ausgesprochen intensiv.

Ana hockt sich neben ihren Hund und streicht ihm in ruhigem Tempo und mit sanften Bewegungen über die Seiten. Es wirkt wie ein festes Ritual. Rocket wird ruhiger. „Wie sehr liebst du deinen Hund auf einer Skala von 1 bis 10?“, fragt die Trainerin. Ana muss nicht lange nachdenken: „12“.

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Viele Hunde haben nicht das Glück, bei einem Menschen zu landen, der sich so konsequent auf ihr Wesen einstellen kann. Mitarbeitende in Tierheimen erleben es ständig: Tiere mit schwierigerem Temperament kehren oftmals schneller zurück, als sie vermittelt wurden. Für jedes Tier den wirklich passenden Menschen zu finden, gehört daher zu den anspruchsvollsten Aufgaben im Tierschutz.

Der passende Hund für dich – das „perfect match“

Fachleute sprechen von der „Kompatibilität“ von Hund und Halter. Doch welche Aspekte sind dabei entscheidend? Das frage ich Marie Nitzschner, die sich am MPI für evolutionäre Anthropologie in Leipzig zehn Jahre lang intensiv mit dem Verhalten von Hunden beschäftigt hat. 2021 hat sie das Buch „Die Persönlichkeit des Hundes“ veröffentlicht und damit den Forschungsstand einem größeren Publikum vorgestellt.

Viele Menschen lassen sich bei der Wahl des Vierbeiners fast ausschließlich vom Äußeren leiten, bedauert die Verhaltensbiologin, die heute auch als Hundetrainerin arbeitet: „Dabei muss der Hund vor allem vom Verhalten her zum eigenen Leben passen. Man muss da ehrlich mit sich selbst sein. Habe ich lieber meine Ruhe? Oder möchte ich gern viel mit anderen Hunden und Menschen unterwegs sein?“ Bin ich eher sportlich und viel draußen oder bevorzuge ich ein gemütliches Tempo? Muss der Hund kinderfreundlich sein, oder lebt er nur mit mir zusammen?

Erst wenn du deine eigenen Bedürfnisse klar einschätzen kannst, solltest du dich auf die Suche nach einem vierbeinigen Gefährten machen. Das ist allerdings nicht so einfach, wie es klingt: Selbst eine als „sehr freundlich“ geltende Rasse ist keine Garantie dafür, dass das Zusammenleben von Mensch und Hund harmonisch verläuft.

Polizei-, Assistenz- und Blindenführhunde im Vergleich

Wissenschaftliche Befunde stützen diese Einschätzung. In ihrer jüngsten Studie von 2026 hat Yana Bender mit ihrem Team am MPI für Geoanthropologie in Jena insgesamt 92 Hund-Mensch-Paare untersucht. Sowohl die Menschen als auch ihre Hunde absolvierten eigene Persönlichkeitsanalysen. Außerdem hatten sie gemeinsam verschiedene Aufgaben zu bewältigen. Gewöhnliche „Familienhunde“ machten nur ein Viertel der Teilnehmenden aus. Die übrigen Hunde setzten sich zu gleichen Teilen aus Deutschen und Belgischen Schäferhunden der Polizeihundestaffel Thüringen, gut ausgebildeten Hunden anderer Rassen (etwa Schulbegleithunden) und Blindenführhunden – vor allem Labradore – zusammen. Bei solch hochqualifizierten Tieren dürfte man meinen, dass kaum etwas schiefgehen kann, oder?

Das ist ein Trugschluss. Die „beste“ Hundepersönlichkeit gibt es schlicht nicht. Laut Studie kommt es, ähnlich wie bei Freundschaften zwischen Menschen, auf das Zusammenspiel der Charaktere beider Partner an. So zeigten sich sehr wenig verträgliche Menschen mit einem ebenso eigensinnigen Hund überraschend zufrieden mit ihrem Vierbeiner. Ähnlich zufrieden waren Halter in Teams, in denen beide Seiten wenig offen für Neues waren – sie schätzten Routinen und suchten nicht aktiv nach neuen Erfahrungen. Zwar kann es Menschen durchaus guttun, wenn ein offenerer Hund sie aus ihrer Komfortzone holt. Für ausgesprochene Gewohnheitsmenschen trifft das jedoch nicht unbedingt zu.

Kommunikation und Bindung zwischen Hund und Mensch

In einer anderen Arbeit aus dem Jahr 2023 hatte die Forscherin festgestellt, dass blinde Menschen es oft als belastend erleben, wenn ihr Hund allzu offen auf Fremde zugeht. Für Menschen mit Sehbehinderung den optimal passenden Führhund zu finden, gilt als besondere Herausforderung. An jede Vermittlung schließen sich ein gemeinsames Training als Team und eine fortlaufende Betreuung an. Trotzdem wird der Hund nicht selten wieder zurückgegeben, und die Suche beginnt von vorn.

Halter von extravertierten Hunden berichteten in der aktuellen Studie von einer eher engen Bindung zu ihrem Tier. Diese Hunde waren außerdem in einer Kommunikationsaufgabe besonders erfolgreich: Sie konnten ihrem Menschen (unabhängig davon, wie dessen Persönlichkeit ausgeprägt war) schnell signalisieren, in welcher von vier geschlossenen Boxen der Versuchsleiter das begehrte Spielzeug versteckt hatte. Wer mit einem solchen Hund zusammenleben möchte, sollte vermutlich viel Energie für Spiel und Beschäftigung mitbringen.

Man könnte annehmen, dass sehr verträgliche Menschen mit ebenso verträglichen Hunden besonders gut harmonieren. In Benders Studie zeigte sich jedoch kein Einfluss auf die Zufriedenheit mit der Beziehung. Die Ursachen dafür können vielfältig sein, erklärt die Forscherin. Im Hindernisparcours schlugen sich solche Teams oft eher unbeholfen. „Vielleicht übertrifft bei diesen Teams das Harmoniebedürfnis den Ehrgeiz“, vermutet Bender. Bei einem Familienhund fällt eine schwache Leistung kaum ins Gewicht. „Aber im Alltag von Menschen mit Sehbeeinträchtigung und ihren Führhunden spielen solche Situationen eine wichtige Rolle.“

Wie bereits bei der Zufriedenheit mit der Beziehung erzielten im Parcours die „eigensinnigen“ Mensch-Hund-Paare die besten Ergebnisse: Blinde Menschen mit wenig verträglicher Persönlichkeit manövrierten sicherer an Hindernissen vorbei, wenn ihnen ein ähnlich gestrickter Hund zur Seite stand.

Umgang mit Aggression: Was lässt sich tun?

Für manche Persönlichkeitsmerkmale scheint also zu gelten: Gleich und Gleich gesellt sich gern. Braucht also auch ein verhaltensauffälliger, bissiger Hund nur einen entsprechend „herrischen“ Besitzer, der ihm klare Grenzen setzt? Marie Nitzschner möchte das nicht so allgemein formulieren. 

Hinter aggressivem Verhalten können unterschiedliche Faktoren stehen. Bei Hunden ist der Jagdtrieb in unterschiedlicher Stärke erhalten. Das zielgerichtete, oft leise Anschleichen und Packen von Beute ist keine „echte“ soziale Aggression. Gefährlich wird es, wenn dieses Verhalten fehlgeleitet auftritt – etwa wenn ein Hund Joggern nachsetzt oder beim Spielen ernsthaft zubeißt. Sozial motivierte Aggression ist laut dem Neurowissenschaftler Jaak Panksepp emotional bedingt und unterscheidet sich auf Ebene der Hirnprozesse deutlich davon. Knurren, Bellen und Beißen bei Hunden entstehen häufig aus Frust (zum Beispiel, wenn die Leine den Kontakt zu Artgenossen verhindert) und meist aus Angst nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung. Auch Schmerzen können Aggression fördern. Je nach Ursache muss das Problemverhalten daher unterschiedlich behandelt werden.

Ein aggressiver Hund kann für seine Halter eine große Belastung sein. So geht es Ingo mit Sirius, einem großen Schäferhundmischling. Das Tier wirkt seinem eher zurückhaltenden Besitzer gegenüber sehr zugewandt. Nähert sich dem Duo im Begegnungstest jedoch eine fremde Person, fletscht Sirius sofort die Zähne und stürzt sich nach vorn. Ingo kann ihn nur mit Mühe halten. Ohne Maulkorb geht es nicht, bestätigt die Trainerin. Nachdem Sirius bereits in eine heftige Auseinandersetzung mit einem anderen Hund verwickelt war, ordnen die Behörden zum Leidwesen von Ingo einen Wesenstest durch die örtliche Polizeihundestaffel an.

Unterordnungstraining: Gehorsam ohne Gewalt

Sitz, Platz, Fußgehen – all das beherrscht Sirius einwandfrei. Ingo übt seit einem Jahr intensiv mit ihm. Das dürfte sich positiv ausgewirkt haben: Lieta Marinelli und ihr Team von der Universität Padua beobachteten 64 Hunde, deren Halter unterschiedlich lange Unterordnung (Gehorsam) trainiert hatten – in der Szene unter dem englischen Begriff „obedience“ bekannt. Das klingt strenger, als es ist; körperliche Gewalt kommt dabei nicht zum Einsatz. Obedience basiert vor allem auf positiver Verstärkung. Gewünschtes, „richtiges“ Verhalten wird mit Futter und Zuwendung belohnt, unerwünschtes Verhalten wird nicht beachtet, sondern mit einem Korrektursignal (zum Beispiel ein „Nö!“, „Eh-Eh“) unterbrochen.

So kann ein Hund zum Beispiel lernen, mit lockerer Leine perfekt „bei Fuß“ zu gehen. Oder er trainiert, eine Sitz- oder Platzposition so lange zu halten („Bleib!“), bis der Mensch das Kommando mit einem anderen Signal auflöst. Ist diese Stufe erreicht, lässt sich der Schwierigkeitsgrad steigern, indem sich der Halter entfernt und sich vom Hund abwendet. Vielleicht legt er zusätzlich sichtbares Futter oder ein Spielzeug in die Nähe.

Impulskontrolle und Frustrationstoleranz verbessern

Derartige Übungen verlangen dem Hund viel Impulskontrolle und Frustrationstoleranz ab – Fähigkeiten, die aggressiven Tieren oft fehlen. Gleichzeitig muss er seinen Menschen immer im Blick behalten, um das Auflösungssignal nicht zu verpassen. In der Studie zeigten sich tatsächlich deutliche Effekte des Gehorsamstrainings. „Experten“-Hunde, die bereits seit sechs Monaten Obedience übten, schenkten ihren Besitzern deutlich mehr Aufmerksamkeit als Hunde mit kürzerer Trainingserfahrung. Auch bei Sirius fällt auf, dass er immer wieder zu Ingo hinüberschaut, als wolle er sich rückversichern, dass alles in Ordnung ist.

„Vierbeiner, deren Besitzer regelmäßig mit ihnen trainieren, sind folgsamer, weniger nervös und freundlicher gegenüber Menschen und Artgenossen“, fasst Nitzschner den Forschungsstand zusammen. Für Sirius reicht ein Standard-Obedience-Programm dennoch nicht aus: So vorbildlich er sich verhält, wenn Ingo allein mit ihm ist, so gefährlich kann er in unberechenbaren Situationen mit Fremden reagieren. Für Ingo ist guter Rat jetzt besonders wichtig. Er wird sich an einen auf aggressives Problemverhalten spezialisierten Hundetrainer wenden müssen. Eine Kastration hingegen beurteilen Fachleute kritisch, denn sie führt häufig nicht zu der erhofften Besserung. Sinkt der Testosteronspiegel, können Hunde unsicherer werden, sodass angstbedingte Aggression sogar noch zunehmen kann.

Wodurch entsteht das Temperament eines Hundes?

Lässt sich schon vor der Anschaffung abschätzen, ob ein Hund eher aggressiv, ängstlich oder freundlich gegenüber Fremden auftreten wird? Eine eindeutige Antwort gibt es darauf nicht. „Wenn man sich die Studienlage ansieht, dann ist das Grundtemperament – also ob ein Hund eher schüchtern oder draufgängerisch ist – relativ stark vorangelegt“, erklärt Nitzschner. „Aber Eigenschaften wie Angst und Aggressivität können sich noch stark verändern, je nachdem, welche Erfahrung der Hund macht.“

In jungen Jahren besteht daher noch ein guter Spielraum, konkretes Angst- und Aggressionsverhalten über Erziehung zu beeinflussen. Viele Menschen glauben, sie könnten mit einem als „familienfreundlich“ geltenden Golden-Retriever- oder Labrador-Welpen nichts falsch machen. Nitzschner widerspricht: „Die Rasse ist generell kein besonders aussagekräftiges Merkmal, wenn es um Persönlichkeitseigenschaften geht.“

Entscheidender ist oft die Zuchtlinie: „Ein Labrador aus einer reinen ‚Showlinie‘ ist ein komplett anderer Hund als einer aus einer Arbeitslinie, in der die Tiere seit Generationen etwa auf Kooperation und Apportierfreude selektiert wurden.“ Vergleichbares gilt für Deutsche Schäferhunde: Linien, die für Polizei- oder Militäreinsätze gezüchtet werden, bringen von Haus aus deutlich aggressivere Hunde hervor als Zuchtlinien, die für die Blindenführung gedacht sind. „Aber selbst innerhalb einer Zuchtlinie haben wir noch riesige Unterschiede. Am Ende ist jeder Hund ein Individuum“, sagt Nitzschner, die in ihrem Blog „Hundeprofil“ und auf Instagram aktuelle Forschungsergebnisse zur Hundepersönlichkeit kommentiert.

Rasse und Verhalten: Nur ein kleiner Erklärungsfaktor

Zu ähnlichen Ergebnissen kam ein Team um Kathleen Morrill, das Halter von mehr als 18.000 Hunden befragt und zusätzlich das Erbgut von über 2.000 Tieren analysiert hat. Die Resultate veröffentlichte sie 2022 in der Fachzeitschrift „Science“. Demnach erklärt die Rasse lediglich neun Prozent der untersuchten Verhaltensunterschiede zwischen Hunden. Am ehesten zeigte sich noch die „Gehorsamkeit“ – also Trainierbarkeit beziehungsweise Führigkeit – mit der Rasse verknüpft. Wie schnell ein Hund bei Stress mit Angst oder Aggression reagierte, ließ sich aus der Rassezugehörigkeit dagegen kaum ableiten.

Wie ist das zu verstehen? Aus der Forschung am Menschen weiß man, dass Persönlichkeit zu einem großen Teil erblich bedingt ist, wobei an jedem Merkmal viele Gene beteiligt sind. Unterschiede in der Persönlichkeit gelten zu rund 40 Prozent als genetisch bestimmt – den Rest prägt die Umwelt. So gibt es etwa unterschiedliche Varianten von Rezeptoren, die die Signalweiterleitung in bestimmten Hirnregionen beeinflussen.

Gene und Verhalten: Vererbte Unterschiede beim Hund

Bei Hunden sieht es ähnlich aus. Man kennt bereits zahlreiche Genvarianten, die mit stärkerer oder schwächerer Aggression, Ängstlichkeit oder Kooperationsbereitschaft in Verbindung stehen. Die meisten von Morrills Team untersuchten Verhaltensmerkmale erwiesen sich tatsächlich als erblich beeinflusst: Über 25 Prozent der Unterschiede gingen auf genetische Faktoren zurück. Im Gegensatz zu den Genvarianten, die für typische Rassemerkmale im Aussehen sorgen, verteilten sich die Varianten für das Verhalten jedoch weitgehend unabhängig von Rassegrenzen.

Das heißt: Obwohl Vererbung beim Verhalten von Hunden eine wichtige Rolle spielt, kommen innerhalb einer Rasse ganz unterschiedliche Persönlichkeitsprofile vor. Das ist kein Widerspruch: Zwei Labradore aus verschiedenen Linien ähneln sich wahrscheinlich in Genen, die etwa die Form der Ohren bestimmen, besitzen aber nicht automatisch die gleichen Anlagen für Ängstlichkeit. „Vor dem 18. Jahrhundert wurden Hunde hauptsächlich nach ihrer Eignung fürs Jagen, Bewachen oder Hüten selektiert“, so Morrill. Aktuelle genetische Analysen deuten darauf hin, dass heute bei vielen Zuchten das äußere Erscheinungsbild stärker im Vordergrund steht als das Verhalten.

Rasseklischees und Statistik: Wie aussagekräftig sind sie?

Sind Bilder wie das vom hyperaktiven Aussie oder vom sturköpfigen Dackel damit hinfällig? Neun Prozent sind mehr als null: Vergleicht man ganze Gruppen von Hunden, lassen sich durchaus rassetypische Tendenzen im Verhalten erkennen, deren Stärke je nach Merkmal (und Studie) variiert. Obwohl die Spannweite innerhalb der Rassen groß ist, ist die statistische Wahrscheinlichkeit, einem gut führbaren Hund zu begegnen, bei der Rasse Belgisch Malinois beispielsweise höher als beim Dackel.

Eine 2021 in „Scientific Reports“ erschienene Studie eines ungarischen Teams hebt außerdem hervor, dass körperliche Merkmale wie Größe und Kopfform die Reizwahrnehmung verändern und damit auch das Verhalten beeinflussen können. Bei kurzköpfigen Hunden mit rundem Schädel sind etwa die retinalen Ganglienzellen im Auge anders verteilt. Vermutlich können diese Tiere Reize in der Mitte ihres Sichtfeldes besser fokussieren. Im Experiment nahmen kurzschnauzige Hunde im Durchschnitt schneller Blickkontakt zu ihrem Besitzer auf als Hunde mit längerer Schnauze.

Eine weitere Studie von zwei ungarischen Forschern aus dem Jahr 2025 mit rund 5.000 Hunden legt nahe, dass extrem kurzschnauzige Rassen wie Mops oder Französische Bulldogge trotz ihrer geringen Körpergröße – die eher mit Ängstlichkeit einhergeht – häufig gelassen und freundlich wirken. Gleichzeitig haben diese Hunde ein hohes Risiko für chronische Atemprobleme. Borbála Turcsán und Eniko Kubinyi stellen in ihrer Veröffentlichung selbst die Frage, ob das scheinbar ruhige Temperament und die enge Anhänglichkeit nicht eher ein Nebeneffekt dieser gesundheitlichen Einschränkungen sein könnten.

Entgegen gängigen Stereotypen zeigen Pitbullterrier laut einer US-Befragung kein auffallend feindseliges Verhalten gegenüber fremden Menschen – zumindest nach Einschätzung ihrer Halter. Genau hier liegt jedoch eine Schwäche vieler großer Hundestudien: Die Persönlichkeitsbewertungen durch die Besitzer, die oft voreingenommen sind, werden selten unabhängig überprüft.

Risiko Kampfhund? Gefährlichkeit richtig einordnen

In der Untersuchung unter Leitung von Deborah Duffy von der University of Pennsylvania gaben sieben Prozent der Pitbull-Halter an, ihr Hund habe in jüngerer Zeit einen fremden Menschen gebissen oder dies versucht. Damit lag diese Kampfhundrasse nur geringfügig über dem Gesamtdurchschnitt von 4,7 Prozent der rund 30 berücksichtigten Rassen. Dagegen berichteten 22 Prozent der Besitzer von Beißvorfällen mit fremden Hunden. Das ist wenig überraschend, da Pitbulls gezielt auf diese Neigung hin gezüchtet wurden. Die Folgen eines Angriffs durch einen Pitbull oder Rottweiler sind natürlich erheblich schwerwiegender als bei einem Chihuahua. Wer sich für einen Rassehund entscheidet, sollte die potenzielle Gefährlichkeit daher unbedingt mitbedenken.

Ist die Wahl auf eine Rasse gefallen, lohnt es sich, Zuchtlinie, Elterntiere und Züchter genau zu prüfen. Denn im Welpenalter lässt sich die spätere Persönlichkeit nur schwer einschätzen. Tests mit Jungtieren liefern kaum zuverlässige Vorhersagen für das Verhalten erwachsener Hunde. „Die Persönlichkeit des Hundes stabilisiert sich erst mit etwa ein bis zwei Jahren, bei großen Hunden kann sich das sogar bis zum dritten Lebensjahr hinziehen“, erklärt Nitzschner.

Sozialisierungsphase: Prägezeit für das Hundeverhalten

Die Sozialisierungsphase beginnt laut der Verhaltensbiologin bereits in der dritten bis vierten Lebenswoche und endet je nach Rasse zwischen der 12. und 16. Woche. Natürlich prägen die Erfahrungen mit der Mutterhündin und dem Züchter den jungen Hund stark. Den Welpen vor der achten Woche von der Mutter zu trennen, komme jedoch nicht infrage, betont Nitzschner. Solche Hunde zeigen im Erwachsenenalter häufiger Verhaltensprobleme – sie zerstören beispielsweise Gegenstände oder jagen zwanghaft ihrem eigenen Schwanz nach.

Im neuen Zuhause ist häufiger Kontakt zu anderen, gut sozialisierten erwachsenen Hunden empfehlenswert. Der Besuch einer guten Welpenschule kann ebenfalls hilfreich sein. Dort unterstützen Trainer dich dabei, das Verhalten deines Hundes anhand seiner Körpersprache besser zu deuten. Fällt ein Welpe in bestimmten Situationen durch starke Ängstlichkeit auf, solltest du früh gegensteuern. Angstauslösende Situationen konsequent zu meiden, ist gerade in dieser Phase der falsche Weg, erklärt Nitzschner: „Alle Dinge und Situationen, mit denen der Welpe in der Sozialisierungsphase konfrontiert wird, kann er später besser einschätzen.“ Gleichzeitig dürfe man ihn aber nicht mit zu vielen Reizen überfordern.

Viele Menschen wählen bewusst einen erwachsenen Mischling aus dem Tierschutz. Manche lassen anschließend einen Gentest durchführen – sei es aus Neugier oder in der Hoffnung, das Verhalten des Hundes besser einordnen zu können, wenn sie seine Rasseanteile kennen. „Ich schaue mir lieber den Hund an, dann sehe ich, wie er ist“, sagt Nitzschner.

Vorteile älterer Hunde aus dem Tierschutz

Wer einen älteren Hund adoptiert, erspart sich möglicherweise einige Überraschungen. Auch als „Anfänger“ kannst du mit einem Hund aus seriösem Tierschutz sehr glücklich werden, ist die Verhaltensbiologin überzeugt, deren eigene Tiere ebenfalls von dort stammen: „Es gibt da total klasse Hunde.“

Allerdings haben manche von ihnen belastende Erfahrungen gemacht, die sich je nach Situation in starker Angst oder Aggression zeigen können. Im Tierheim ist das nicht immer eindeutig erkennbar. Viele Hunde stehen dort unter so hohem Stress, dass sie deutlich ängstlicher, zurückgezogener oder aggressiver wirken, als sie es in ruhigerer Umgebung wären. Mit etwas Glück lebt der Hund bereits in einer Pflegestelle, also einem Übergangs-Zuhause, wo sich besser beobachten lässt, wie er mit Menschen und anderen Tieren klarkommt. Im Idealfall kannst du ihn dort besuchen und dir selbst ein Bild machen.

Zahlreiche Hundetrainer bieten Persönlichkeitsanalysen an. „Mit Wissenschaft hat das meist nichts zu tun. Was man bekommt, ist eher eine Meinung“, sagt Nitzschner. Vielen Haltern helfe es jedoch, wenn sie ihren Hund einmal im Vergleich mit Artgenossen in unterschiedlichen Situationen erleben. Das ähnelt in gewisser Weise der Erfahrung mit den eigenen Kindern – häufig merkt man erst im Kindergarten, wie schüchtern oder besitzergreifend der eigene Nachwuchs tatsächlich ist.

Überhaupt unterscheiden sich Hunde- und Kindererziehung weniger, als man vielleicht denkt. Die grundlegenden Lernmechanismen sind bei Hunden und Kleinkindern gleich, findet Nitzschner, ergänzt aber: „Ab einem bestimmten Alter übertreffen die kognitiven Fähigkeiten eines Kindes die von Hunden natürlich in jeder Hinsicht. Meinem Hund kann ich schließlich nicht erklären, warum er etwas machen muss.“

Bindung zwischen Mensch und Hund: Sicherheit als Basis

Der Aufbau einer Bindung verläuft zwischen Mensch und Hund grundsätzlich ähnlich wie zwischen Eltern und Kind. „Es wird häufig unterschätzt, wie enorm wichtig die Sicherheit, die ein Mensch seinem Hund gibt, für dessen Entwicklung ist. Er merkt genau: Kann ich mich auf meinen Menschen verlassen, oder bin ich in kritischen Situationen auf mich allein gestellt?“

Auch zu einem älteren Hund aus dem Tierschutz kannst du noch eine enge Bindung aufbauen, betont Nitzschner: „Das kann sogar sehr schnell gehen. Oft hat man das Gefühl, dass ein Hund einfach nur darauf gewartet hat, dass sich dieser Mensch seiner annimmt.“

Das Original zu diesem Beitrag "Was wirklich entscheidet, ob ein Hund zu mir passt" stammt von Spektrum.de.