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„Viele Menschen schauen weg”

Wie Tierschützer täglich gegen das Leid von Streunerkatzen kämpfen

Der Gesundheitszustand der Streuner ist oft schlecht, und sie sind auf Hilfe von Menschen angewiesen.
Der Gesundheitszustand der Streuner ist oft schlecht, und sie sind auf Hilfe von Menschen angewiesen. Hannes P. Albert/dpa
In Deutschland leben Millionen Streunerkatzen auf der Straße – viele von ihnen sind krank. Tierschützer und Tierheime kommen an ihre Grenzen.

Kater „Neo“ sitzt schon bereit, als Martina Schmidt zur Futterstelle kommt. Sie hat Nass- und Trockenfutter mitgebracht und verteilt es in Näpfe, die nahe eines Feldwegs in einem schlichten Holzunterstand stehen. „Neo“ ist eine Streunerkatze – eine von wohl Zehntausenden in Hessen. Der Gesundheitszustand dieser Tiere ist oft schlecht, und sie sind auf Hilfe von Menschen angewiesen.

Warum gibt es so viele Katzen ohne Halterin oder Halter, die draußen leben? Ursache sind nicht kastrierte Katzen, die sich ungehindert vermehren, erklärt Sigrid Faust-Schmidt vom Landestierschutzverband. Dazu tragen auch Freigängerkatzen bei, die zwar einen Halter oder eine Halterin haben, aber nicht kastriert sind.

Straßen- und Streunerkatzen seien sehr scheu, meist eher nachts unterwegs und deshalb oft gar nicht zu sehen. Häufig lebten sie in Gruppen auf Bauernhöfen oder Friedhöfen, in leerstehenden Scheunen, Kleingärten oder alten Industrieanlagen.

Martina Schmidt kümmert sich um mehrere Streunerkatzen im Raum Hochheim-Massenheim. Begonnen hat ihr Einsatz dort vor acht Jahren, nachdem eine Nachbarin sie auf junge Katzen aufmerksam gemacht hatte, die draußen unterwegs waren.

Eine Streunerkatze wird von einer freiwilligen Helferin gefüttert: Die Zahl der Streunerkatzen in Deutschland liegt nach Einschätzung von Tierschützern im siebenstelligen Bereich.
Eine Streunerkatze wird von einer freiwilligen Helferin gefüttert: Die Zahl der Streunerkatzen in Deutschland liegt nach Einschätzung von Tierschützern im siebenstelligen Bereich. Hannes P. Albert/dpa

Über 100 Katzen eingefangen und kastriert

Im Laufe der Zeit seien immer mehr Streuner dazugekommen. Seitdem habe sie mehr als 100 Katzen eingefangen und kastrieren lassen, sagt Schmidt. Sie ist Vorsitzende der Katzenhilfe Katzenherzen, die im vergangenen Jahr für dieses Engagement mit dem Hessischen Tierschutzpreis ausgezeichnet wurde.

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Die Tiere benötigten in der Regel medizinische Versorgung, sagt Schmidt. Außerdem müssten sie kastriert werden, damit sie sich nicht weiter vermehren. Junge Katzen könnten anschließend an Halter oder Halterinnen vermittelt werden – erwachsene Tiere meist nicht, denn Katzen, die von Geburt an an das Leben draußen gewöhnt seien, ließen sich nur schwer daran gewöhnen, anders zu leben.

Krankheiten, vereiterte Zähne und Verletzungen

„Es ist nicht tierschutzgerecht, die Tiere sich selbst zu überlassen“, sagt Schmidt. Auf sich allein gestellt, würden viele nicht lange leben. „Allein an Wurmbefall würden viele zugrunde gehen.“ Oft gebe es vereiterte Zähne oder Wunden. „Viele Menschen schauen weg, im besten Fall melden sie sich bei uns.“

Schmidt fährt mit weiteren Helfern und Helferinnen im Wechsel täglich mehrere Futterstellen an. An einem Ort haben sie sogar ein kleines Katzenhaus aufgebaut.

Nach Angaben von Schmidt hat sich der Verein Katzenherzen auch mit Erfolg dafür eingesetzt, dass Hochheim und weitere Kommunen eine Katzenschutzverordnung beschlossen haben. Dadurch sind Halter und Halterinnen von Freigängerkatzen verpflichtet, ihre Tiere kastrieren zu lassen.

Täglich fahren die Freiwilligen mehrere Futterstellen für die Katzen an.
Täglich fahren die Freiwilligen mehrere Futterstellen für die Katzen an. Hannes P. Albert/dpa

Katzenschutzverordnung in Hessen oft mühsam

In Hessen liegt es bei den Kommunen, eine solche Regelung einzuführen. Aktuell hätten 147 von 427 Gemeinden und kreisfreien Städten entsprechende Verordnungen, sagt die Landestierschutzbeauftragte Madeleine Martin. Der Weg dorthin sei an vielen Orten mühsam.

Deshalb wäre eine landesweite Regelung sinnvoll. Gegenwärtig werde politisch darüber gesprochen, ob es eine solche Verordnung geben könne.

„Freilaufende und nicht kastrierte Katzen sorgen ständig für Nachwuchs“, sagt Martin. Dieser komme meist bei Tierschutzvereinen an. Eine Katze bekomme im Durchschnitt zweimal pro Jahr bis zu sechs Junge. „Die Tierheime sind hochbelastet, das ist seit Jahren der Fall, und sie brauchen Unterstützung.“ Es müsse sich etwas ändern.

Laut dem Tierschutzbund müssten alle Freigänger-Katzen kastriert werden.
Laut dem Tierschutzbund müssten alle Freigänger-Katzen kastriert werden. Hannes P. Albert/dpa

Bundesweit Millionen Straßenkatzen

Der Deutsche Tierschutzbund verlangt eine bundesweite Verordnung, die die Kastration von Freigängerkatzen vorschreibt. Er geht von Millionen Straßenkatzen in Deutschland aus, deren Nachwuchs meist krank sei und häufig sterbe.

Wie viele Streuner- und Straßenkatzen in Hessen leben, lasse sich nur schwer beziffern, sagt Faust-Schmidt vom Landestierschutzbund. Derzeit sammelt sie Daten von Vereinen und privaten Tierschützern, um die Lage im Land zu erfassen – das ist ein Schritt hin zu einer Landesverordnung zur Kastration. Die Erhebung läuft noch, weitere Informationen seien willkommen.

Die Tierheime seien durch das Thema Katzen stark beansprucht. „Die Tiere, die in schlechtem Zustand kommen, müssen erstmal aufgepäppelt werden. Wir müssen Parasiten behandeln, kastrieren und impfen.“ Oft ziehe sich auch die medizinische Versorgung über längere Zeit.

Faust-Schmidt ruft Katzenhalter und -halterinnen deshalb dazu auf, ihre Tiere kastrieren, kennzeichnen und registrieren zu lassen. „Es geht uns natürlich in erster Linie um das Vermeiden von Tierleid. Und es geht um die Entlastung der Tierheime, der Tierschutzvereine und der privaten Tierschützer.“