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Expertin klärt auf

Leinenführigkeit klappt nicht: „In Wirklichkeit liegt das Problem meist woanders”

Wenn der Hund an der Leine zieht, hat das nichts mit Ungehorsam zu tun, erklärt Expertin Elena Seydel.
Wenn der Hund an der Leine zieht, hat das nichts mit Ungehorsam zu tun, erklärt Expertin Elena Seydel. Getty Images/Westend61
Viele Hunde ziehen nicht aus Ungehorsam an der Leine. Expertin Elena Seydel erklärt, warum oft Stress dahintersteckt und was das Training ausbremst.

Es gibt kaum ein Thema, das so frustriert wie Leinenführigkeit. Der Hund zieht, man korrigiert, er zieht wieder. Zu Hause läuft er brav, draußen scheint alles vergessen. Die naheliegende Erklärung: Er hört nicht. In Wirklichkeit liegt das Problem meist woanders – nicht beim Gehorsam, sondern beim inneren Zustand des Hundes.

Elena Seydel ist Expertin für Hundeverhalten, -training und -physiotherapie. Sie ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.

Warum Hunde an der Leine ziehen

Hunde bewegen sich schneller als wir, nehmen ihre Umgebung über die Nase wahr und wollen Reize erkunden – die Leine hindert sie daran. Das allein erzeugt Spannung. Dazu kommt der sogenannte Oppositionsreflex: Wenn du an der Leine gegenhältst, löst das bei deinem Hund einen reflexartigen Gegenzug aus. Er lehnt sich instinktiv in den Widerstand hinein – je mehr du ziehst, desto mehr zieht er. Das ist kein Trotz, sondern eine körperliche Reaktion.

Viele Hunde haben zudem nie gelernt, dass lockere Leine sich lohnt. Ziehen funktioniert – der Hund kommt dahin, wo er hin will. Jeder Schritt, den er ziehend nach vorne macht, bestätigt das Verhalten. Und über die gesamte Gassirunde baut sich ein Erregungslevel auf, das es ihm zunehmend unmöglich macht, auf seinen Menschen zu achten.

Stress statt Sturheit

Was ich in meiner Arbeit als Hundetrainerin am häufigsten sehe: Hunde, die ziehen, sind nicht ungehorsam – sie sind gestresst oder überfordert. In reizintensiver Umgebung ist der Kopf voll: Gerüche, andere Hunde, Geräusche – alles zieht die Aufmerksamkeit von dir weg. In diesem Zustand ist dein Hund schlicht nicht lernfähig.

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Deshalb scheitern klassische Trainingsansätze oft: Sie setzen am Verhalten an statt am Zustand. Du kannst stehen bleiben und Richtung wechseln, so viel du willst – wenn dein Hund innerlich auf 180 ist, kommt nichts an. Das erklärt auch, warum es zu Hause klappt: Die Umgebung ist reizarm, dein Hund ist entspannt und hat die Kapazität, auf dich zu achten. Draußen konkurriert alles mit dir um seine Aufmerksamkeit.

Was im Körper passiert – und welche Folgen das hat

Wenn dein Hund in die Leine geht, steigen Adrenalin und Cortisol, die Muskulatur spannt sich an, die Wahrnehmung verengt sich. Als Hundephysiotherapeutin sehe ich die körperlichen Folgen regelmäßig: Verspannungen in Nacken, Schulter und Rücken. Bei Hunden, die über Jahre extrem gezogen haben, habe ich sogar sichtbare Deformationen der Ellbogengelenke gesehen – der Körper passt sich an die chronische Fehlbelastung an. Ein verspannter Hund ist angespannter, ein angespannter Hund zieht mehr – ein Teufelskreis.

Wie du Leinenführigkeit aufbaust

Leinenführigkeit beginnt nicht an der Leine, sondern bei der Frage: Ist mein Hund in einem Zustand, in dem er lernen kann? Ruhetraining und Impulskontrolle gehören dazu, auch wenn sie nichts mit Leine zu tun haben.

Draußen fängst du in reizarmer Umgebung an: ruhige Nebenstraße, leerer Parkplatz, der eigene Garten. Belohne jede lockere Leine und jeden Blickkontakt bewusst – nicht nebenbei, sondern mit klarem Stehenbleiben und Aufmerksamkeit. Dein Hund muss lernen, dass bei dir zu sein sich lohnt. Steigere die Ablenkung erst, wenn er in der einfachen Umgebung zuverlässig entspannt läuft. Jeder Sprung in eine zu schwierige Situation setzt euch zurück.

Welche Fehler das Training ausbremsen

Der häufigste Fehler: Inkonsequenz. Beim Training stehen bleiben, sobald die Leine spannt – aber auf dem Weg zum Auto ziehen lassen. Der Hund lernt: Manchmal funktioniert Ziehen. Und Verhalten, das nur manchmal zum Erfolg führt, wird am hartnäckigsten wiederholt.

Zweiter Fehler: zu viel Korrektur, zu wenig Belohnung. Zeige deinem Hund, was er tun soll, statt nur zu signalisieren, was falsch ist.

Wie lange dauert es?

Ehrlich: länger als die meisten hoffen. Bei manchen Hunden zeigen sich nach Wochen deutliche Verbesserungen, bei stark verfestigtem Ziehverhalten oder hoher Grundspannung kann es Monate dauern. Das klingt frustrierend, aber es hilft, die Perspektive zu ändern: Leinenführigkeit ist kein Ziel, das man abhakt – sie ist Teil eurer Kommunikation, die sich über die gesamte Hundebeziehung weiterentwickelt. Jeder entspannte Spaziergang ist ein Erfolg.

Was du daraus mitnehmen kannst

Frag dich nicht zuerst, wie du das Ziehen abstellst. Frag dich, warum dein Hund zieht. Ist er aufgeregt? Überfordert? Hat er zu viele Reize um sich herum? Erst wenn du seinen Zustand verstehst, kannst du an der richtigen Stelle ansetzen. Leinenführigkeit ist kein Gehorsamsproblem – sie ist ein Beziehungs- und Regulationsthema. Und die gute Nachricht: Genau daran kann man arbeiten.